Plagwitz: Geschichte und Architektur

Geschichte von Plagwitz

Ausgewählte Architekturbeispiele

Geschichte von Plagwitz

Plagwitz ist ein Stadtteil 3 km südöstlich des Leipziger Zentrums. Es liegt am Rande der Flußauenlandschaft von weißer Elster, Pleiße und Luppe. Im Norden grenzt Plagwitz an den Stadtteil Lindenau, im Süden an Kleinzschocher und im Westen an die erst nach 1976 errichtete Neubausiedlung Gruenau.

Ursprünglich war Plagwitz ein Dorf, das von slawischen Siedlern südlich des Abzweigs der kleinen Luppe am West-Ufer der Weißen Elster angelegt wurde. Im Jahre 1468 wurde es erstmals urkundlich als „Plochtewitz“ erwähnt. Nach vielen sprachlichen Umwandlungen entstand 1752 "Plagwitz".

1839 zählt Plagwitz 39 Einwohner, welche hauptsächlich von Landwirtschaft leben. Auf einer Geländerhebung war 1844 der Alte Felsenkeller als Gaststätte und auf Grund der guten Fernsicht beliebtes Leipziger Ausflugsziel eröffnet worden. Bis 1856 wuchs das Gassendorf auf ca. 400 Einwohner an und bestand aus einer Dorfstraße mit 36 Gebäuden und einem Teich.

Ab 1854 erwarb der Leipziger Rechtsanwalt und Unternehmer Dr. Carl Erdmann Heine (heutige Schreibung Karl Heine) alle Plagwitzer Güter und Grundstücke. So legte er die heutige Karl-Heine- und Käthe-Kollwitz-Straße an und schuf 1858 durch die Plagwitzer Elsterbrücke einen direkten Zugang zur Stadt. Durch Heines weitsichtige und zielstrebige Erschließungsarbeiten wird Plagwitz zum Industriestandort. 1855 entsteht mit einer Zementfabrik das erste größere Industrieunternehmen, 1963 die weltbekannte Landmaschinenfirma Rudolf Sack.

Im Jahre 1871 hat Plagwitz 2 531 Einwohner. Im Zuge der Eröffnung des Bahnhofs 1873 an der Strecke Leipzig-Zeitz werden auch erste Industriebahnanschlüsse verlegt. 1879-1898 werden die Buntgarnwerke in der heutigen Nonnenstraße gebaut. 9 170 Einwohner zählt Plagwitz 1884.

Dr. Karl Heine gründet 1888 die Leipziger Westend Baugesellschaft zur Erschließung von Flächen für Gewerbe und Wohnungsbau. 1890 wird der Neue Felsenkeller als Versammlungs- und Vergnügungslokal gebaut. Die Eingemeindung von Plagwitz nach Leipzig geschieht 1891. Mittlerweile zählt man 13 000 Einwohner. Im Zweiten Weltkrieg kam es zur Zerstörung von Industriebetrieben und Wohngebäuden bei den Bombenangriffen 1943-1944 auf Plagwitz.

Zwischen 1946 und 1953 wurden viele Unternehmen und Großbetriebe enteignet und zu volkseigenen Betrieben erklärt, u.a. Sack = VEB Bodenbearbeitungsgeräte, Tittel & Krüger = VEB Buntgarnwerke, Gebr. Brehmer = VEB Buchbindereimaschinenwerke. Der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Betriebe setzte sich bis Mitte der 50er Jahre fort. 1972 kam es zur Enteignung der letzten privaten Kleinbetriebe.

Plagwitz wird zum dichtbesiedeltsten Industriestandort Europas, welcher mit 118 Schormsteinen/km² die Umwelt belastet. 1989 gab es in Plagwitz von 101 000 industriellen Arbeitsplätzen in Leipzig 13 000. Allerdings stand immer dringender die Rekonstruktion und Modernisierung der Wohnstandorte und Anlagen an. Es gab kaum Werterhaltung und so gut wie keine Verbesserung der benötigten Infrastruktur. Ende 1989 sieht der Leipziger Chefarchitekt D. Fischer für Plagwitz nur noch die Perspektive des Flächenabrisses und der völligen städtebaulichen Neuordnung.

Nach der Wende 1989 stehen viele Wohnhäuser in Plagwitz leer. 80 Prozent der Betriebe stellen ihre Produktion ein, der Felsenkeller und viele Kulturhäuser werden geschlossen. Bis 1993 werden Sanierungsprojekte im Bundesforschungsprogramm "Experimenteller Wohnungs- und Staedtebau" gefördert. Im gleichen Jahr wird Plagwitz in das Städteförderungsprogramm des Freistaates Sachsen aufgenommen und verschiedene Sanierungsprojekte angestoßen.

Am 10. Februar 1993 wird mit dem ersten Spatenstich die Sanierung des Karl-Heine-Kanals in Angriff genommen: die Uferböschung und das Kanalwasser sollen renaturiert werden und eine Uferpromenade mit Rad- und Gehweg angelegt werden. Im gleichen Jahr wird das ehemalige Kino "Lindenfels" in der Karl-Heine-Straße als neugestaltete "Schaubühne Lindenfels" wieder eröffnet. Das "Riverboat" entsteht auf einer alten Eisenbahnbrücke von 1883 und wird von 2003 - 2008 als Studio für die gleichnamige mdr Talkshow genutzt. Die leerstehenden Gebäude der Baumwollspinnerei an der Spinnereistraße wurden bereits seit den frühen 90er Jahren von Künstlern und für kulturelle Projekte entdeckt und genutzt. Seit 2001 entwickelt die Leipziger Baumwollspinnerei Verwaltungsgesellschaft mbH das Gelände mit weiteren Sanierungen zu einer international bekannten Künstlerkolonie.

1994 beschließt der Stadtrat Leipzig ein Strukturkonzept für Plagwitz: gewerblich genutzte Flächen und Wohngebiete sollen neu geordnet werden und Plagwitz ein "Standort für innovatives Gewerbe und arbeitsplatznahes Wohnen" werden. Zahlreiche Bauvorhaben schließen sich dem an: In der Nonnenstraße entsteht aus den ehemaligen Buntgarnwerken der Elster-Business-Park, mit 100 000 Quadratmetern Brutto-Geschossfläche Europas größtes Industriedenkmal aus der Gründerzeit. In der Naumburger Straße werden der Gründer- und Gewerbehof und an der Markranstädter Straße der Gewerbepark Plagwitz gebaut. An der Zschocherschen Straße/ Ecke Lauchstädter Straße entsteht die Elster-Passage als zentrale Einkaufspassage für den Stadtteil.

Zur Weltausstellung in Hannover 2000 wird der Stadtteilpark Plagwitz zwischen Karl-Heine-Kanal und der Industriestraße als Außenstelle der Expo fertig gestellt. Der Karl-Heine-Bogen verbindet das 10 ha große Gelände mit dem Radweg auf der anderen Seite des Kanals.

Zwischen 2001 und 2007 wird Plagwitz durch das EU-Programm URBAN II mit dem Ziel wirtschaftlicher und sozialer Wiederbelebung gefördert. Unterstützt wurden u.a. das Gründer- und Gewerbezentrum BIC in der Karl-Heine-Straße, die Konsumzentrale in der Industriestraße, die Schaubühne Lindenfels mit dem Westflügel in der Hähnelstraße und zahlreiche weitere Sanierungsprojekte von öffentlichen Flächen und Gebäuden.

Ausgewählte Architekturbeispiele

Felsenkeller
Der Felsenkeller befindet sich auf dem Eckgrundstück Karl-Heine-Straße 32/ Zschochersche Stra&stzlig;e 14. Im Jahre 1890 erhielten die Architekten Schmidt & Johlige die Anfrage zum Bau eines neuen Felsenkellers. Sie entwarfen ein großes Gebäude mit neobarocken Fassaden, dem zweistöckigem Eckturm mit der barocken Kuppel. Das Versammlungs- und Vergnügungslokal hatte 1000 Plätze mit einem Konzertgarten. In dem berühmten Konzert- und Ballsaal fanden viele Versammlungen von der Arbeiterbewegung statt. So sprachen hier u.a. Rosa Luxemburg, Karl-Liebknecht und Clara Zetkin. In der DDR-Zeit wurde die Großgastst&auuml;tte vorrangig für die gastronomische Versorgung von Betriebsveranstaltungen und Konferenzen genutzt. Nach 1989 verwaltete die Treuhandgesellschaft den Bau, in welchem bis 1999 Polstermöbel verkauft wurden. Im Herbst 2005 begann die Restaurierung.

Buntgarnwerke
Die Buntgarnwerke in der Nonnenstraße, ehemals Wollgarnfabrik Tittel & Krüger, stehen für eine herausragende Industriearchitektur der Gründerzeit, des Jugendstils und der Moderne. Errichtet zwischen 1879 und 1925 besteht das Gesamtensemble aus 5 eigenständigen Baukörpern, die mit ihren unterschiedlichen Konstruktionsweisen beispielhaft für die jeweilige Epoche stehen und doch eine gemeinsame Architektursprache haben. Ziegelfassaden, gegliederte Fenster und verspielte Aktzente durch Türme, Kuppeln und hervorgehobene Eingangsbereiche verbinden die Gebäude zu einem einheitlichem Ganzen. Architekt des ersten Baus war Ottmar Jummel, die späteren Bauten stammen aus dem Büro Händel & Franke. Insgesamt 570 m Wasserfront säumten den Industriekomplex mit 100 000 m² Bruttogeschossflaeche. In den enormen Kubaturen der Fabrik-, Verwaltungs- und Buerogebäude entstand ein Stadtteil- und Dienstleistungszentrum, ein Büropark, Einzelhandel und Gastronomie. Verschiedene Wohn- und Geschäftsgebäude wurden neu gebaut. Der durch Wohnnutzung geprägte Bereich nördlich des Karl-Heine-Kanals wurde zum Sanierungsgebiet und ist zum großen Teil erneuert und durch Wohnumfeldmaßnahmen aufgewertet worden. Der Gebäudekomplex ist Europas größtes erhaltenes Industriedenkmal und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Baumwollspinnerei
Die Leipziger Baumwollspinnerei in der Spinnereistraße wurde 1884 gegründet und wuchs innerhalb eines Vierteljahrhunderts zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas. Das Fabrikgelände im Westen von Leipzig wuchs zu einer kleinen Fabrikstadt mit 4 großen Spinnereien und 20 Einzelgebäuden, Arbeiterwohnungen, Kindergärten und einer Erholungssiedlung heran. Fast alle Gebäude wurden als sehr massive Backsteinbauten errichtet. 1907 erreichte die Fabrik ihre größte Ausdehnung. Auf rund 100 000 m² wurde mit 240 000 Spindeln Baumwolle verarbeitet. Bis zu 4 000 Menschen arbeiteten hier bis 1989 im Drei-Schichtbetrieb, bis die Produktion eingestellt wurde. Ab den frühen 90er Jahren begann eine neue Geländenutzung. Teile davon werden heute als Galerien und Ateliers sowie gastronomisch genutzt. Handwerker, Künstler, Freiberufler, Menschen mit dem Wunsch nach individuellem Wohnen siedelten sich auf dem Areal an. Es entstanden Galerien, Ateliers und gastronomisch genutzte Flächen. Viele Künstler, der "Neuen Leipziger Schule" waren die Pioniere dieser Revitalisierung. Inzwischen ist über die Hälfte des gesamten Areals wieder vermietet.

Konsumzentrale
Der Gebäudekomplex der Konsumzentrale in der Industriestraße 85-96 zählt zu den bedeutendsten Leipziger Baudenkmälern der 20er Jahre. Der Bau in der Formensprache des modernen Bauens und der Neuen Sachlichkeit entstand 1929-1932 nach den Pl&aunml;nen von Fritz Hoeger. Der viergeschossige klinkerverkleidetete Stahlbetonskelettbau mit seiner 75 m langen Hauptfassade wurde aus Genossenschaftsmitteln errichtet. Seine stromlinienförmige Architektur und die Details im Inneren, wie Farbe der Wandfliesen, Messingbeschlägen oder die großen "Treppenpoller" assoziieren Wasser, Weite und Beständigkeit und erinnern an den Schiffbau. Im Jahre 2000 begann die Sanierung der Konsumzentrale im Zuge des EXPO- Projektes: "Plagwitz auf dem Weg ins 21. Jahrhundert".

Stelzenhaus
Das Stelzenhaus in der Weißenfelser Straße 65 entstand 1937-1939 für das Wellblechwalzwerk Grohmann & Frosch. Aus Mangel an Gruendstücksflächen setzte der Architekt Herrmann Boettcher die aufwendige Konstruktion der Fabrikhalle auf 101 Betonstelzen sehr nahe an den Karl-Heine-Kanal. Von 2001-2002 wurde nach Plänen des Architekturbüros Weis & Volkmann die Halle zu einem Restaurant und der ehemalige Verwaltungstrakt zu Wohnungen, Ateliers und Büros umgebaut. Es ist ein Beispiel für die Industriearchitektur der klassischen Moderne und als Baudenkmal gelistet.

 

 

Literaturempfehlungen

  • Karl-Heine-Kanal. Leipzigs langer Weg zum Meer. Lindenauer Geschichte(n) 2. Lindenauer Stadtteilverein e.V. (Hrsg.), 2008.
  • Plagwitz. Eine historische und städtebauliche Studie. Pro Leipzig e.V., 1995.
  • Stadtlexikon. Leipzig von A bis Z. Horst Riedel. Pro Leipzig e.V., 2005.
  • Exkursion "Stadterneuerung in Plagwitz".Stadt Leipzig-Dezernat Planung und Bau- Amt für Stadtsanierung und Wohnungsbauförderung; 2004.
  • Plagwitz ein Leipziger Stadtteil im Wandel. Pro Leipzig e.V., 1999.
  • Leipzig. Baumeister und Bauten. Tourist Verlag Berlin, 1990.

Weblinks